Lehrkräfte fürchten um Bestand der Mittelschule

CSU Fraktionssprecher Paul Kokott mahnte in der hitzigen Diskussion um die Verlegung der Wirtschaftsschule zur Mäßigung. Er plädiert dafür auch die Argumente der Schule zu hören. Der Stadtrat will deshalb Schulleiter Carlo Dirschedl zur nächsten Sitzung einladen.

Aus dem Burghauser Anzeiger vom 05. Dezember 2015

PNP_20151205_Wirtschaftsschule

Norbert Englisch fordert im Hauptausschuss: Stadt darf Akademieräume nicht an Wirtschaftsschule vermieten

Burghausen. Unerwartete Schützenhilfe gegen die Entscheidung, die Wirtschaftsschule von Burgkirchen nach Burghausen zu verlagern, kommt nun ausgerechnet aus der Salzachstadt: Stadtrat Norbert Englisch, der auch Schulleiter der Hans-Kammerer-Schule ist, kündigte in der Sitzung des Hauptausschusses am Mittwoch massiven Widerstand gegen eine Vermietung der einstigen Theaterakademie auf der Burg an. Er sprach von einer „schulpolitischen Entscheidung“ und sah in einer vierstufigen Wirtschaftsschule eine Gefahr für die gut funktionierende Burghauser Mittelschule und insbesondere für deren Angebot der M-Zweige. Dabei stand Englisch im Ausschuss keineswegs allein. Auch Stadtrat Peter Schacherbauer stellte Fragen: „Brauchen wir die Wirtschaftsschule?“ und „Müssen wir uns deshalb einen Streit mit Burgkirchen antun?“ Er zeigte sich überzeugt, die Akademieräume auch anderweitig vernünftig vermieten zu können.

Zu einem Beschluss kam es noch nicht. Die Fraktionen wollen sich erst im Detail informieren. Der Stadtrat soll am kommenden Mittwoch einen Beschluss fassen, ob die Stadt das leer stehende Gebäude auf der Burg der Wirtschaftsschule überlässt. Die eigentliche Entscheidung über die Verlagerung trifft zwar der Landkreis. Aber ohne geeignetes Gebäude kann es auch keine Verlagerung geben.

Die Wirtschaftsschule wurde 2010 mit Rücksichtnahme auf die private Mühldorfer Schule Gester nicht in Altötting, sondern in Burgkirchen gegründet und hat derzeit nur 30 Schüler. Mit der Verlagerung nach Burghausen sieht Schulleiter Carlo Dirschedl eine bessere Möglichkeit, auch Schüler aus dem Landkreis Traunstein zu gewinnen. Denn die Busverbindungen und Fahrzeiten seien in Burghausen günstiger. Zugleich soll die jetzt dreistufige Schule auf vier Klassenstufen erweitert werden. Gerade darin sehen Englisch und die Lehrer der Burghauser Mittelschule ein Problem, weil so die Schule direkte Konkurrenz für die Mittelschule werde.

Norbert Englisch legte ein Positionspapier vor. Er befürchtet bei einer Umsetzung der Pläne eine Schwächung vor allem der M-Züge in Burghausen wie auch in Burgkirchen und in der Folge einen erheblichen Qualitätsverlust für die Burghauser Mittelschule. Derzeit bietet die über diese M-Züge in drei Bereichen – Technik, Wirtschaft und Soziales – die Möglichkeit für einen mittleren Bildungsabschluss an. Bei einer größeren Zahl von Abgängern an eine Wirtschaftsschule könne ein solcher Zweig nicht mehr gebildet werden. Schüler und Rückkehrer aus Gymnasien und Realschulen müssten an eine andere Schule abwandern, bzw. Burghausen müsste vermutlich mit Burgkirchen einen Schulverbund einrichten. Die Eigenständigkeit der Mittelschule Burghausen wäre gefährdet.

Ohne M-Zweig werde die Schule zudem in sehr hohem Maße von Migrationskindern besucht werden. Das hätte zur Folge, dass Eltern deutscher Kinder noch mehr den Übertrittsdruck erhöhen, der Migrantenanteil würde noch größer.
Englisch widerspricht auch der Ansicht von Landrat Erwin Schneider, eine vierstufige Wirtschaftsschule sei zwingend nötig im Landkreis für die Bildungsgerechtigkeit. „Das ist grundlegend falsch, weil sowohl Realschulen als auch M-Schulen entsprechende Zweige und Angebote haben.“ Das Fazit von Englisch: „Hier wird versucht, auf Biegen und Brechen eine Schulform zu installieren, die vom Angebot her vollkommen unnötig ist und langfristig unsere Mittelschulen insgesamt schwächen kann.“

Bürgermeister Hans Steindl erläuterte, nicht nur die Entscheidung des Stadtrats zur Vermietung sei maßgeblich: „Die Wirtschaftsschule braucht vom Staat die Genehmigung für das vierte Schuljahr und für die Standortverlagerung und danach vom Landkreis die Zustimmung.“
Stadtrat Paul Kokott mahnte zur Mäßigung. Die Wirtschaftsschule habe ein Einzugsgebiet bis Traunstein. Die Auswirkungen auf die Burghauser Mittelschule sieht er deshalb weniger pessimistisch. Zur Entscheidung wolle er auch die Argumente der Schule hören. Der Stadtrat will deshalb Schulleiter Carlo Dirschedl zur Sitzung einladen.rw

- Christian Konnerth