Der nächste Blick geht über den Tellerrand hinaus

Burghausen ist Bayerns jüngster Hochschulstudienort

Der Campus Burghausen der Hochschule Rosenheim ist Teil einer Regionalisierungsstrategie, die das Ziel hat, auch an Standorten ohne Hochschule jungen Menschen ein Studien- und wissenschaftliches Qualifizierungsangebot zu machen. Für die Realisierung war eine jahrelange Überzeugungsarbeit vor allem von der CSU-Landtagsabgeordneten MdL Ingrid Heckner und dem unermüdlichen „Treiber„ Landrat Erwin Schneider notwendig.

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Bei der Eröffnung des Campus Burghausen: Seniorenreferent Gerhard Hübner, CSU-Ortsvorsitzender Bernhard Harrer, Kultusminister Ludwig Spaenle, Landrat Erwin Schneider und MdL Ingrid Heckner (Foto: Markus Koch / KommExpert)

Aus dem Burghauser Anzeiger vom 30. September 2016

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Zwar ist zum Startschuss des Campus Burghausen die Nachfrage groß, doch noch fehlt es an überregionalem Flair

Burghausen. Zumindest regional stimmt die Nachfrage schon mal. Das hat sich gestern gleich zu Beginn des Festaktes gezeigt. Einen künftigen Studenten nach dem anderen fragte Moderatorin Anouschka Horn nach seiner Herkunft – doch es dauerte, bis sie endlich jemanden fand, der nicht aus dem Landkreis oder der unmittelbaren Umgebung stammt. Genau dieser Aspekt ist es, bei dem vor allem die Industrie noch Nachholbedarf im ansonsten erfolgreich angelaufenen Hochschulprojekt Burghausen sieht.

Vom künftigen Lehrgebäude in der Marktler Straße, in dem ab Dienstag studiert wird, bekamen die Gäste der Eröffnungsfeier gestern nichts zu sehen. Bis Mitternacht war dort noch gearbeitet worden, um die einstigen CoC-Räume zum neuen Campus Burghausen umzuformen. Gefeiert wurde stattdessen in der Wacker-Halle, mit hunderten Gästen und 30 Studenten aus den Reihen des ersten Jahrgangs.

Statt langer Begrüßungsreden standen lockere Gesprächsrunden auf dem Programm. Mit Wacker-Werkleiter Dr. Dieter Gilles, Chemiepark-Chef Dr. Bernhard Langhammer und Unternehmer Fritz Kreutzpointner diskutierte Anouschka Horn über die Vorstellungen der Wirtschaft, mit Landrat Erwin Schneider und Bürgermeister Hans Steindl übers Finanzielle, mit Bildungsminister Ludwig Spaenle und MdL Ingrid Heckner über die politischen Querelen, welche die Campus-Gründung zu Beginn begleitet hatten. Damals, als die Hochschule Deggendorf den Altöttinger Plänen beinahe mit einem eigenen Angebot fürs Chemiedreieck zuvorgekommen wäre, habe sich Ingrid Heckner mit ihrem politischen Einsatz auf Landesebene als wahre „Jeanne d’Arc“ für Burghausen erwiesen, lobte Horn gleich mehrfach − wobei sie dabei wohl nicht bedacht haben dürfte, wo Jeanne d’Arc 1431 endete: auf dem Scheiterhaufen.

Die Streitigkeiten zwischen Ober- und Niederbayern sind beigelegt. Längst haben die Campus-Verantwortlichen anderes im Fokus: die Campus-Idee und damit auch die Stadt selbst mit studentischem Leben zu füllen. Auch aus diesem Grund wünscht sich Landrat Schneider, dass die Studentenschaft in den kommenden Jahren „noch etwas polyglotter wird“. Rund zwei Drittel der Erstsemester stammen aus dem Landkreis, nur eine Handvoll kommt von außerhalb Bayerns. Es wäre doch schade, wenn die Studenten jeden Abend in die Umgebung heimfahren würden anstatt das Burghauser Nachtleben zu bereichern, sagte Schneider. „Wir wollen schon einen Campus, wo abends auch studentisches Leben stattfindet.“

In eine ähnliche Richtung, wenngleich mit anderem Hintergrund, zielen die Industrieverantwortlichen ab. Schon lange vor dem Campusstart hatten sie durchblicken lassen, dass Studenten, die zeitlebens nicht aus ihrer Heimatregion hinauskommen, nicht unbedingt die allererste Wahl innerhalb der Branche sind. Auch sie hegen deswegen die Hoffnung, dass sich das Einzugsgebiet des Campus’ noch deutlich vergrößert – und Burghausen auch über Österreich hinaus international wahrgenommen wird. Bürgermeister Steindl hat dahingehend bereits eine Vision: Ihm schwebt vor Augen, dass eine Art europäisches Stipendium geschaffen werden könnte, mit dessen Hilfe Studenten aus wirtschaftlich schwachen Ländern wie Portugal oder Spanien in Burghausen studieren. Und schon zum nächsten Semester hin soll zumindest auch in Österreich die ganz große Werbetrommel für Burghausen gerührt werden.

Vorerst aber muss noch die Finanzierung des ganzen Campus-Projekts unter Dach und Fach gebracht werden. Denn auch wenn kommende Woche der Lehrbetrieb startet, fehlt bislang eine klare Regelung, wer welche Kosten übernimmt. Klar ist, dass der Freistaat für das Personal aufkommt. Inwieweit die anfänglichen Investitionen, etwa in die Räumlichkeiten, aber zwischen Stadt und Landkreis aufgeteilt werden, ist noch offen. Das sei bisher nur auf „Handschlagsniveau“ geregelt, formulierte es Landrat Schneider gestern. Burghausen habe vorfinanziert, „und wir legen nächstes Jahr nach“. In welcher Höhe, das ließ er auf eine entsprechende Frage Anouschka Horns offen – „aber nicht zu knapp“, versprach er. (Weitere Artikel zur Campus-Eröffnung finden Sie auf Seite 1 und im Bayernteil auf Seite 9).ckl 

- Bernhard Harrer